Ein Weinfreund über unser Weingut

Wurzelecht

Hans Lauber über den Moselwinzer Alois Schneiders

Alois Schneiders ist echt. Als Mensch. Als Winzer. Seine Weine sind nur eines: Kompromisslos ehrlich. Das fängt im Weinberg an, wo er am liebsten da pflanzt, wo es am schwierigsten ist, an den steilen Moselhängen rund um den uralten Winzerort Pommern an der unteren Mosel; da, wo besonders viel tückisch rutschiger Schiefer liegt, der im Sommer den Reben ordentlich einheizt. Aber nicht auf die Sonne allein vertraut der erfahrene Winzer. Häufig stutzt er die oberen flachen Wurzeln, damit die Reben gezwungen werden, sich mehrere zehn Meter tief in den felsigen Grund zu zwängen, um ihre Nahrung aus dem Inneren des Berges zu holen – also das zu machen, wovon die Experten so gerne als Terroir sprechen. Auch hat er noch einzelne Weinberge, die wurzelecht sind, also keine Unterlagsreben auf welche dann die jeweilige Sorte gepfropft wird. „Erst nach Jahrzehnten zeigt sich dann der Unterschied, die Weine werden intensiver, sind langlebiger“, erläutert Schneiders. Wurzelechte Menschen denken in langen Zeiträumen.

Jeden Quadratmeter Boden rund um Pommern kennt er genau, weiß, wo Boden, Neigung, Mikroklima optimal sind, erleidet beinahe physische Schmerzen, wenn er kopfschüttelnd auf ein besonders gutes Stück zeigt, das traditionsverachtend durch die Rebumlegung zerpflügt wurde, nur weil es für eine maschinenfreundliche, querterassierende Bewirtschaftung Geld aus Brüssel gab. Nicht dass Alois Schneiders diesen Geldern grundsätzlich negativ gegenübersteht – aber er nutzt sie, etwa um traditionelle Mauern wieder herzustellen, wobei er dafür auch eine mörderische Schinderei in Kauf nimmt, um die Steine mit einem hölzernen Schlitten nach oben zu fahren.

Wer im Rebberg, im Wingert, im Rhythmus der Natur arbeitet, macht natürlich auch im Keller keine Kompromisse. Da hat Schneiders ein schon vom Vater übernommenes Prinzip genial verfeinert: Die Trauben werden im oberen Teil des Hofes gepresst und der Most fließt dann, ohne dass groß gepumpt werden muss, direkt in die selbstverständlich hölzernen Fässer. Dieses simple Prinzip, das eine schonende Behandlung des Weines erlaubt, ist gerade als demonstratives Vorzeigeobjekt in einem hessischen Staatsweingut realisiert worden – allerdings für viele Millionen auf Kosten des Steuerzahlers.

Nur ein verschmitztes „Da“ hat Schneiders für die Frage übrig, ob er denn den Wein spontan vergäre, also nur mit den Hefen, welche die Natur dem Wein auf den Trauben und „Da“ an den Wänden seines Kellers mitgibt. Leicht milchig, wie kleine Tropfsteinnasen sehen diese tüchtigen Hefepilze aus, die den Zucker im Traubenmost in durchgegorenen Wein verwandeln. Als chic gilt diese Spontanvergärung in den Kreisen der publicitytüchtigen jungen Emporkömmlinge. Alois Schneiders vertraut jedenfalls allein auf die Natur.

Völlig durchgegorene Weine mit Restzuckergehalten von unter 1 Gramm pro Liter hat Alois Schneiders bis vor wenigen Jahren nur hergestellt – und das bei hohen Säurewerten. Kernige, kantige Weine waren das, die ihre eingeschworene Fangemeinde hatten. Aber wie das halt so ist mit den Fans, manchmal reichen sie nicht aus, weshalb sich inzwischen auch Lieblicheres mit Werten von über sieben Gramm auf der Karte findet. „International trocken“ nennen die wichtigtuerischen Weinführer diesen Weintypus gerne – und kanzeln genau so gerne alles ab, was sich nicht diesem selbst definierten Geschmacksbild unterwirft.

Aber egal, auch in der lieblicheren Variante bestechen Schneiders Rieslinge durch einen Vorzug, der diese Weine einzigartig macht: Einen Honigton. Ein Duft nach Honig der einfach dezent da ist, seltsamerweise nicht süß, sondern nur Charakter ist. Was diese Weine auch unverwechselbar macht ist ihre Haltbarkeit, und das in zweierlei Hinsicht: Zum einen können diese Rieslinge (daneben gibt es noch einen schon bei den Römern angebauten krachzechigen Elbling und grundehrliche Winzersekte) weit über zehn Jahre altern, ohne dass sie Anzeichen von Firne zeigen. Ein Alterungspotential, das kaum einer der hochgelobten Modeweine aus Italien oder Spanien auch nur im Ansatz hat. Und wer diese meist sehr teuren Weine einmal über Nacht nicht leergetrunken hat, wird sich in der Regel mit Graus am nächsten Tag abwenden, weil sich der Geist des Weines längst verflüchtigt hat. Nicht so bei Schneiders, seine Weine lassen sich auch durch tagelangen Kontakt mit dem Sauerstoff der Luft nicht aus ihrem Gleichgewicht bringen. Und werfen auch den fröhlichen Zecher nicht aus der Fassung, denn durch die schonende Behandlung brauchen sie extrem wenig kopfwehigen Schwefel.

Nicht aus der Fassung bringen Schneiders Weine auch die potentiellen Käufer, denn sie werden zu Preisen offeriert, die zu einem großen Teil unter fünf Euro liegen, häufig um die sieben kosten und kaum einmal die zehn Euro schrammen. Preise also, die so kundenfreundlich sind, dass es fast an Selbstausbeutung denken lässt. Aber nur fast, denn hinter jedem starken Winzer steckt eine starke Winzerin. Hier ist es seine Frau Maria Schneiders, die nicht nur drei Kinder groß gezogen hat, sondern die auch für die gut florierende Straußwirtschaft sorgt, viele Kunden dafür begeistert, zu speziellen Verkostungen in die stilechte Probierstube zu kommen. Aber nicht nur über Weine redet Alois Schneiders dabei gerne, sondern er weiß auch alles über die regionale Geschichte, zeigt begeistert den Nachbau einer keltisch römischen Tempelanlage auf dem Martberg bei Pommern und berichtet von einem verschütteten Eisenbahntunnel aus der Kaiserzeit Alles hat er selbst erkundet – und führt es gerne bei der legendären Weinwanderung anlässlich des jährlichen Hoffestes im Mai vor.

Wer bewundernd nach Details des aus der Epoche des ausgehenden Jugendstils stammenden Hauses fragt, erfährt zum einen, mit welcher Akribie Schneiders zusammen mit einem Kirchenrestaurator die alten Farben für das Fachwerk rekonstruiert hat, wie akkurat die alte nagellose Verfugetechnik mit spezialisierten Handwerkern ins Gewerk gesetzt wurde. Aber er erfährt auch, wie Wohlstand und Wehe der Winzer schnell schwanken können, etwa als um 1830 durch die Gründung des Deutschen Zollvereins plötzlich die Einkommen der Moselwinzer um bis zu 90 Prozent einbrachen, eine große Not herrschte und der Trierer Ökonom Karl Marx, so erzählt Alois Schneiders, durch dieses Elend geprägt, seine Theorien der Vergänglichkeit des Kapitals entwickelte.

Wer aus der Geschichte kommt, weiß auch die Zukunft abzuschätzen - und er kann warten. Alois Schneiders hat lange gewartet, bis er seinen ersten Rotwein anbaute. Erst als er sicher war, dass der Klimawandel tendenziell unumstößlich ist, pflanzte er im Frühjahr 2006 die ersten Reben. Im ausgezeichneten Jahr 2008 holte er die erste Ernte mit Spätburgunder in den Keller. Er baut sie natürlich genau so natürlich aus, wie seine weißen Weine und Sekte, denn er weiß: „Gestern wird morgen sein“.

Der Ernährungsexperte Hans Lauber ist Autor der Bücher „Schlemmen wie ein Diabetiker“ und „Schönkost“.
Er leitet den Fachbereich „Gesund leben“ im Deutschen Wellness Verband.


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Hans Lauber
www.schoenkost.de

 
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